Gefallsucht

Über die Krux es allen Recht machen zu wollen

Empathie ist zweifellos eine der wichtigsten Eigenschaften, die eine Führungskraft haben sollte. Doch der Übergang von Empathie zu Selbstaufopferung ist nicht selten fließend. Immer wieder treffe ich Führungskräfte, die im Bestreben allen in ihrem Umfeld gerecht zu werden, an ihre Grenzen stoßen. Woher dieser Wunsch kommt, welchen Preis man dafür zahlen muss und was das alles mit einem Esel zu tun, lesen Sie hier. 

 

Die Krux mit den Bedürfnissen

 

Es gibt natürlich gute Gründe es anderen Recht machen und nicht anecken zu wollen. Hinter diesem Wunsch steckt oft das Bedürfnis nach Anerkennung und sozialer Zugehörigkeit. Wir alle möchten uns geliebt und angenommen fühlen. Wer seinen Selbstwert stark über diesen Aspekt definiert, der achtet darauf zu gefallen und nichts zu tun, was diesen Zustand gefährden könnte. Wer eine Entscheidung trifft, die seinem Umfeld missfällt, rechnet mit Kritik oder schlimmstenfalls mit einem Ausschluss aus der jeweiligen Gruppe. Das führt manchmal dazu, dass Entscheidungen gar nicht oder nur sehr zögerlich getroffen werden. In anderen Fällen werden Entscheidungen zwar getroffen, aber beim kleinsten Widerstand auch wieder zurückgenommen. Aber besonders als Führungskraft ist es wichtig, klare Entscheidungen zu treffen und zu diesen zu stehen. Befragt man Mitarbeiter, sagen diese immer wieder, dass sie sich einen Vorgesetzten wünschen, der Entscheidungen fällt und dafür einsteht. Klarheit ist gewünscht.

 

Die Krux mit den Erwartungen

 

Menschen, die ihren Kollegen, Mitarbeitern usw. in besonderem Maße gerecht werden wollen, haben in der Regel sehr genaue Vorstellungen davon, was passiert oder was der andere denkt. Nicht selten beruht dieses „Wissen“ eher auf Vermutungen als auf konkreten Erfahrungen. Es lohnt sich also wirklich einmal zu beleuchten, wie sein Gegenüber tatsächlich reagiert, wenn man sich für X oder Y entscheidet. Ich habe oft erlebt, dass der andere komplett anders reagiert hat als vorher angenommen.

 

Die Krux mit dem eigenen Standpunkt

 

Darauf zu achten niemanden in seinem Umfeld zu verletzten oder zu verärgern, kostet Zeit und Energie. Es gehört viel Einfühlungsvermögen dazu sich vorzustellen, was andere über das eigene Verhalten denken (könnten). Typischerweise gehen dabei die eigenen Wünsche und Werte oft unter. Während man damit beschäftigt ist, es anderen Recht zu machen, verliert man seinen eigenen Standpunkt leicht aus den Augen. Bei mir im Coaching begegne ich oft Menschen, die gar nicht sagen können, wo sie stehen, was sie wollen oder nicht wollen. Aber sie wissen oft sehr genau, dass sie von anderen geschätzt werden wollen und einiges dafür tun würden, damit das so bleibt. Vielen erzähle ich dann die folgende Geschichte.

 

Eine kleine Esel-Geschichte ohne Krux

 

An einem heißen Sommertag gehen ein alter Mann und sein kleiner Enkel mit dem Esel zum Markt, um einzukaufen. Auf dem Heimweg laufen sie durch ihr Dorf: der Alte links, der Junge rechts und in der Mitte der Esel. Als sie an einer Gruppe Menschen vorbeikommen, hört der alte Mann, wie die Leute sagen: „Schaut Euch doch bloß diesen dummen Mann an! Hat einen Esel und reitet nicht darauf. Das ist ja wirklich nicht zu fassen!“ Der alte Mann denkt nach und setzt sich schließlich auf seinen Esel.

 

Kurze Zeit später kommen sie an einer anderen Menschengruppe vorbei. Sie tuscheln und raunen sich zu: „Seht Euch doch bloß diesen alten Mann an: er sitzt bequem auf dem Esel und der arme kleine Junge muss bei dieser Hitze laufen! So ein Egoist!“ Der alte Mann überlegt wieder. Schließlich steigt er vom Esel ab und lässt seinen Enkel aufsteigen.

 

Die drei setzen ihren Weg schließlich fort. Dann hören sie wieder ein paar Passanten, die sich über sie unterhalten: „So ein frecher, kleiner Bengel! Der sitzt auf dem Esel und lässt den armen alten klapprigen Greis zu Fuß gehen. Der ist doch noch jung und gut zu Fuß, und lässt trotzdem den alten Mann laufen. Dieser Bengel!“ Auch das hört der alte Mann und beschließt kurzer Hand auch auf den Esel zu klettern und mit dem Jungen zusammen den Rest des Weges nach Hause zu reiten.

 

Kurz vor ihrem Haus begegnen Ihnen drei weitere Nachbarn. Sie schütteln die Köpfe und schimpfen lauthals: „Na so eine Tierquälerei! An so einem heißen Tag seinen Esel so zu belasten. Nicht genug, dass er die Einkäufe schleppen muss- er muss auch noch zwei Leute tragen. Der arme, arme Esel!“

 

Als die drei schließlich zuhause ankommen, ist der alte Mann vollkommen erschöpft. Seine Frau kommt ihm aufgeregt entgegengelaufen und schimpft, dass sie so spät kommen: durch das viele Anhalten, das Auf- und Absteigen haben sie doppelt so lange für den Heimweg gebraucht. Und ein Großteil der eingekauften Lebensmittel ist bei der Hitze auch beinah verdorben…

 

Die Moral mit kleiner Krux

 

Und die Moral von der Geschicht´? Es ist nahezu unmöglich es allen Recht zu machen. Jeder hat seine Sicht auf die Dinge und bewertet Situationen anders. Wer zu sehr auf andere hört, verliert sich selbst leicht aus den Augen und stellt – vielleicht zu spät – fest, dass er seine eigenen Ziele gar nicht erreicht hat. Wer seinen Weg geht und diesem treu bleibt, muss aber auch in Kauf nehmen, dass links und rechts des Weges andere Sichtweisen existieren. Diese Kommentare und Meinungen kann man nicht verhindern, aber man kann für sich einen anderen Umgang damit finden. Vielleicht hilft dabei der Gedanke, dass wir oft gerade die Menschen bewundern, die anecken und polarisieren- und zwar gerade WEIL sie anecken und polarisieren und gefühlt „über den Dingen“ stehen.

 

P.S.: Eine nasse Eselschnauze in einem Business-Blog? Vermutlich polarisiert mein Blog-Bild heute auch. Und das ist nicht nur vollkommen okay, sondern absolut beabsichtigt 😉

 

One thought on “Über die Krux es allen Recht machen zu wollen

  1. Anja M.

    Super Artikel! Vor diesem Dilemma stehe ich des Öfteren. Man kann nur Scheitern, wenn man versucht, es jedem Recht zu machen. Aber nicht einfach, sich davon zu lösen.

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